Tierische Medizinprodukte: Clean mit neuer ISO 22442
Herzklappen vom Schwein, Rinderknochen für den Kiefer – die Verwendung von Tiergewebe für Medizinprodukte ist längst etabliert. Nicht erst seit BSE weiß man wie wichtig es ist, mit sicheren Produkten zu arbeiten. Aus diesem Grund wurde die ISO 22442 entwickelt: Die internationale Norm gibt Anleitungen für das Risikomanagement.
Bereits gang und gäbe: Bei der Herstellung medizinischer Produkte werden tierische Gewebe und deren Derivate genutzt, wie Tierknochen als Knochenersatz im orthopädischen Bereich, Kollagen und Gelatine bei der Produktbeschichtung und Herstellung von Matrices sowie Antikörper für die Fertigung innovativer Adsorber. Die Verwendung tierischer Materialien ist jedoch erst am Anfang, so laufen die Forschungen auf Hochtouren in den Bereichen Gene Pharming oder Tissue Engineering. |
Bislang fanden die für Medizinprodukte generell geltende ISO 14971 und für den europäischen Markt die EN 12442 Standardserie Anwendung. Der europäische Standard wurde nun weiterentwickelt und international harmonisiert. Damit wird weltweit den spezifischen Risiken von Medizinprodukten aus tierischem Gewebe Rechnung getragen. Bei der Verwendung biologischer Materialien sind vor allem Verunreinigungen durch Viren oder dem TSE-Erreger, der BSE und eine neue Variante der Creutzfeld-Jacob-Krankheit auslöst, von besonderer Bedeutung.
Gegenüber der EN 12442, die 2000 entwickelt wurde, enthält die ISO 22442 eine Reihe wichtiger Änderungen: Der Begriff „Tier“ umfasst jetzt auch Wirbellose, wie Korallen oder Krustentiere. Sie ist auf alle tierischen Materialien anwendbar, auch solchen, die zur Medizinproduktherstellung verwendet werden, aber im Endprodukt nicht mehr vorhanden sind, zum Beispiel Komponenten von Fermentationsmedien, wie Aminosäuren. Zudem wurde die Definition der „geschlossenen Herde“ erweitert: Der in der Norm vorgegebene Status muss für mindestens 8 Jahre bestanden haben. Darüber hinaus sind eine Reihe von „kann“-Bestimmungen und Hinweise (notes) der EN 12442 normativer Bestandteil.
Die neue ISO 22442 Standardserie ist keine selbstständige Norm, sondern muss in Verbindung mit der ISO 14971 verwendet werden. Teil 1 ergibt so ein Verfahren zur Identifizierung, Beurteilung und zur Kontrolle der Risiken. Dieser Risikomanagement-Prozess besteht aus einzelnen Schritten: Die Risikoanalyse stellt die sicherheitsrelevanten Eigenschaften des Medizinprodukts fest: Hier spielen Faktoren eine Rolle wie Gewebeart, Art, Herkunft, Alter und Futter der Tiere und das Vorgehen bei der Gewebegewinnung. Bei aus bovinem Knochenmaterial gewonnenem Kollagen beispielsweise müssen die Knochen aus Ländern mit minimaler BSE-Gefahr bezogen werden. Die Risikobewertung beurteilt dann Schadensausmaß und Auftretenswahrscheinlichkeit der Risiken.
Bei der Überwachung der Risikokontrolle müssen die Kontrolloptionen dokumentiert werden. Für mikrobiologisch relevante Gefahren, wie Bakterien, kommen die Normen zum Thema Sterilisation zur Anwendung. Für Viren und TSE-Erreger müssen die Risiken in Bezug auf verschiedene Kategorien getrennt aufgeführt werden und mit den Anforderungen aus Teil 2 und 3 der neuen Norm übereinstimmen. So ist das TSE-Risiko bei Tieren geringer, die nicht älter als sechs Monate sind. Auch die Art des Gewebes ist von Bedeutung: Die Gefahr der Übertragung von TSE ist bei der Verwendung von Gehirn zum Beispiel höher als bei Häuten. Abschließend muss das Restrisiko bewertet werden. Der letzte Prozessschritt: Der Hersteller muss im System zur Sammlung von Informationen nach der Produktion sicher stellen, dass Änderungen im Zoonose-Status der gewählten Quelle des tierischen Materials identifiziert werden.
Teil 2 der ISO 22442 richtet seinen Focus auf die Kontrolle der Materialbeschaffung, die Methoden der Materialgewinnung und –handhabung. Er gibt Hinweise zur Auswahl geeigneter Herkunftsländer und Herden sowie notwendige Veterinärzertifikate. Zudem informiert er wie Kreuzkontaminationen zu vermeiden sind und wie die Rückverfolgbarkeit gewährleistet wird. Teil 3 thematisiert die Erfordernisse für Studien zur Validierung der Eliminierung und/oder Inaktivierung von Vieren und TSE-Erregern: Dazu werden detaillierte Anforderungen an eine initiale Literaturstudie aufgeführt. Zudem werden Hinweise zur Erstellung von Prüfplänen und Studienprotokollen gegeben und die Inhalte des Studienberichts definiert. Für die Überwachung der der Produktion nachgelagerten Phase bzw. Marktüberwachung werden Bedingungen für die Routinerecherche zu neuen Zoonosen genannt.

